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Apfelweinspezialitäten aus Maintal-Bischofsheim

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Neujahrsansprache Stadt Maintal 2013

Maintal – ein Märchen?
Es war einmal eine liebliche Landschaft, von Wäldern, Hügeln, Wiesen und Wasser umsäumt. Dort gab es vier Orte, nah beieinander, doch im Geiste so fern.
So etwa könnte das Maintal-Märchen beginnen... Aber für ein Märchen fehlt uns ja ebbes ganz Entscheidendes: das Happy-End.
Keine ausgelassene Stimmung, kein exzessives Feiern - obwohl doch alle Maintaler Stadtteile gerade hierfür bekannt sind -, aber unsere Stadt wird mit dem 1. Juli 40 Jahre alt. Augenscheinlich: es ist nicht zusammengewachsen, wovon manch einer meint, es gehöre auch nicht zusammen.
Auf den ersten Blick scheint das alles auch überhaupt nicht zusammenpassen zu können: Das ländlich, wetterauisch anmutende Wachenbuchen, das zu Bergen, Enkheim und Bornheim neigende Bischofsheim, das städtische, nach Kesselstadt tendierende Dörnigheim und das durch die Mauer isolierte Hochstadt.
Was eben seinen Grund in der Geschichte findet. Mal waren wir Bestandteil vom (Großherzogtum) Frankfurt, mal gehörten wir zum Landkreis Hanau. Häufig zogen sich die Grenzen sogar durch unsere Landschaft. Mitte des 15.Jahrhunderts zählte Bischofsheim zum Niedgau, Hochstadt und Wachenbuchen zur Wetterau, Dörnigheim zum Maingau. Innerhalb unseres heutigen Stadtgebietes trafen sich die Grenzen dreier Gaue. Da konnte sich keine Gemeinsamkeit entwickeln, war doch stets alles jenseits der Grenze fremd.
Oder wie der berühmte Frankfurter Nationaldichter Friedrich Stoltze es in seinen ebenso berühmten Frankfurt-Versen  (am Ende von mir leicht abgewandelt) verdichtete:
Unn wärs enn Engel oder e Sonnekalb
enn Fremde iss immer von außerhalb
De beste Mensch iss e ärjernis
wenn er net aach aus Hesse is.
Das weist mich auf erstaunliche Parallelen zu unserem Bundesland. Denn auch Hessen ist wahrlich keine organisch gewachsene Einheit. Des is e aanzisch Dorschenanner. Jeder, der in der Weltgeschichte ebbes wern wollt, is bei uns dorchgedappt. Oder wie der leider so früh verstorbene hessische Kabarettist Matthias Belz es ausdrückte: „Viele Völker zogen durchs Land, kaaner wollt bleiwe...“
Es sind aber auch Gegenden, Landschaften und Stämme, die so gar nicht zusammen passen scheinen: Taunus / Vogelsberg - Odenwald / Rhön - Frankfurt / Offenbach...
Da mussten erst unsere amerikanischen Freunde kommen und aus dem bunten Haufen das heutige Hessen zusammenwürfeln. Und wenn ich da höre, Multikulti geht nicht - für uns Hessen ist das über Jahrhunderte gelebter Alltag! Und dabei ist das ganze Gebilde ja bis heute voller Merkwürdigkeiten: Rhein-Hessen gehört nicht zu Hessen, das Rheingau hingegen schon aber dann eine der Quellen unseres hessischen Nationalgetränkes, der Spessart mit dem Kahlgrund, wiederum nicht.
Kein Wunder, dass die hiesige Bevölkerung lange Zeit mit ihrer Identität als „Hessen“ Probleme hatte. Viel zu lange haben wir den „Mir sann mir“ und dem „Wir können alles außer Hochdeutsch“ nichts entgegengesetzt.
Dabei können wir Hessen uns mancher Besonderheiten rühmen. Wir sind der einzige keltisch-germanische Volksstamm, der von Anbeginn aller Zeiten seinen Platz nicht verlassen hat. Griechische und römische Geschichtsschreiber berichteten schon von unseren Vorfahren, den Chatten, die um Fulda, Werra und Main siedelten.
Da haben sich die Goten bis Nordafrika verlaufen, sächsische Stämme sind an den britischen Inseln gestrandet und die „Findelkinder der Völkerwanderung“, wie manche Historiker die Bayern bezeichnen, wollen zwar immer Erster sein, wissen aber weder, wo sie herkommen noch wo sie hinwollen. Wir Hessen aber sind die Einzigen, die es von „Dehaam“ nie weggezogen hat. Bis heute heißt es, für jeden Hessen sei das Schönste am Verreisen das „Haamkomme“.
Aber trotzdem waren und sind wir der Welt nie abgewandt: Denn die Welt kam und kommt ja zu uns!
Hessen liegt inmitten des Kontinents, ist weiterhin Durchgangsland und beherbergt den drittgrößten Flughafen Europas. Viele Menschen kommen zu uns, suchen hier Arbeit, ein neues Zuhause, Heimat.
Doch geht diese Zuwanderung zu Lasten der regionalen Identität - im Gegenteil. Hat man sich in meiner Jugend noch fast geschämt, aus Hessen zu sein - gehört heute das „Babbele“ zum guten Ton. Haben wir früher unsere Gäste bewirtet mit französischen Speisen und italienischen Weinen, findet sich nun hessische Genusskultur auf dem Tisch. Im Ausland lebende Exilhessen lassen sich mit „Hessischen Care Paketen“ versorgen - wir Hessen „outen“ uns mit Uffbabber mit der hessen-typischen Weisheit wie: „Bevor isch misch uffreesch, isses mir liewer egal“, T-Shirts mit aufgedruckten gerippten Gläsern, Schlüsselanhänger in Bembelblau … Vor allem die Jugend begeistert sich immer stärker für ihre Heimat. Das erfüllt mich mit Freude. Denn die Verwurzelung im direkten Lebensumfeld ist immer noch das wirksamste Gegengift gegen irrationalen Nationalismus.
Und wie ging es für das künftige Maintal weiter? Wir brauchten keine amerikanischen Besatzer, uns reichte die Wiesbadener Staatskanzlei, die das scheinbar Unmögliche möglich machte.
1969 wurde die Gebietsreform beschlossen, innerhalb weniger Jahre die Anzahl der Gemeinden in Hessen von ehemals über 2600 auf etwa 400 reduziert. Die Grundgedanken waren einleuchtend, doch gelang die Umsetzung nur mangelhaft, denn sie berücksichtigte nicht die Wünsche und Gefühle der Einwohner. Und so blieb sie ungeliebt.
Zum Glück haben daraus alle ihre Lehren gezogen! Heute wäre es undenkbar, Bürgerwünsche dem politischen Willen zu opfern...
Ja, es gab allerdings manch andere Option. Ich erinnere daran, dass die beiden Buchen auf dem besten Wege waren, ihre eigene Stadt zu gründen. Dörnigheim und Hochstadt wären mit offenen Armen in Hanau empfangen worden. Und Bischofsheim wollte sich mit Enkheim und Bergen zusammentun.
In der Chronik der Gemeinde Bischofsheim vom ehemaligen Rektor Herbert Lippert ist nachzulesen, dass der Widerstand Bischofsheims, seine Selbstständigkeit aufzugeben, am größten war.
Als dann aber von der Landesregierung die Möglichkeit ins Spiel gebracht wurde, Bischofsheim dem Kreis Offenbach zuzuschlagen, brach der Widerstand in sich zusammen - wir waren zu allem bereit.
Ich weise darauf hin, dass bis heute nicht geklärt ist, ob dieser Vorschlag nur eine wohl durchdachte Finte oder eine ernsthafte Option war.
Wie dem auch sei - kann bei einer solchen Vergangenheit ein Zusammenwachsen möglich sein? Ja, muss denn das überhaupt sein? Ich meine: Nein!
Der große Vorzug dieses Maintal-Gebildes ist doch, dass sich jeder Stadtteil prächtig entwickelt und trotzdem seine Eigenart bewahrt. Bei aller Eigenheit gehen wir Verbindungen ein, die uns helfen, Ziele zu erreichen, die keiner alleine erreichen kann. Als augenscheinliches Beispiel weise ich auf den Arbeitskreis Streuobstwiesen Maintal hin. Denn nicht nur, dass hier Menschen aller Stadtteile - und darüber hinaus - zusammenwirken, wir tragen zu dem Erhalt des Landschaftsbildes und damit zur Identifikation der Menschen mit ihrer Stadt bei. Eine Aufgabe, die nicht bewältigt werden könnte, wäre sie auf die Bürger und die Verwaltungen kleiner Gemeinden beschränkt!
Mittlerweile ziehen Bischemer nach Hochstadt, Mischehen aus Wachebischer und Derngemer erregen kein Aufsehen mehr.
Die Menschen, ob hier geboren oder zugezogen, fühlen sich wohl.
Auch weil der direkte Kontakt zur Verwaltung und den Entscheidungsträgern nahe ist.
Wir alle genießen die Spaziergänge auf den Streuobstwiesen, laden Freunde ein zum Weihnachtsmarkt auf der wunderschönen Hochstädter Hauptstraße und erholen uns beim Ausblick am Mainufer. Denkt an alle anderen schönen Momente, die Ihr in Eurem Maintal genossen habt, mögt Ihr mir zustimmen: Maintal bietet Lebensqualität in aller Vielfalt.
Natürlich fühle ich mich als Hesse.
Und im Herzen bin ich „Bischemer“ und werde es auch immer bleiben.
Aber ebenso bin ich stolz, „Maintaler“ zu sein.

von Jörg Stier


Emma und Einhard


Emma-Schoppen


Ebbelwoi Guutsjer
(C) 2017, Kelterei Jörg Stier